von
Klaus Staeck
und
Johano Strasser
mit Unterstützung der
Initiative iDemokratie.de
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Klaus Staeck:
Der Irak und die Medien
Will man einer jüngst veröffentlichten Umfrage Glauben schenken, fühlen sich 80% der Amerikaner durch den Irak unmittelbar bedroht. Nicht überliefert ist die Existenz einer Befragung, ob die gleichen Leute wussten, wo der Irak überhaupt liegt. Macht man sich die Erfahrungen eines Au-pair-Mädchens zu Eigen, die von ihren Gastgebern nach den Zuständen an der deutsch-chinesischen Grenze gefragt wurde, ließe das Ergebnis wohl Schlimmes erahnen.
Es gehört zu den Binsenweisheiten, dass die mediale Vorbereitung eines Krieges ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger ist als die Begleitung des Krieges selbst. Auf den drohenden Irak-Krieg bezogen hat insoweit die Bush-Administration keinen wirklichen Grund, das finstere Reich der Schurkenstaaten um Deutschland und Frankreich zu erweitern. Lief doch im Blick auf die Medien alles in allem für sie ohne größere Beanstandungen. Spricht sich doch eine klare Mehrheit der deutschen Bevölkerung gegen einen drohenden Irak-Krieg aus und ist dennoch ebenso mehrheitlich der Überzeugung, dass dieser Krieg nicht mehr abzuwenden sei, weil ihn die USA um jeden Preis nun einmal wollten, mit oder ohne Zustimmung der Vereinten Nationen.
Jüngstes Beispiel für das redliche Bemühen, den Kriegsplänen der USA mit Begründungshilfen zur Seite zu stehen, ist die Titelgeschichte in der ZEIT vom 23. Januar mit der „Mär vom Ölkrieg“. Zeigt denn niemand den gegen uns wütenden Pentagonstrategen den Kommentar der FAZ-Sonntagszeitung vom 19. Januar zur Frage eines CSU-Abgeordneten an seine politischen Glaubensbrüder, ob sie lieber dem Papst oder Bush folgen wollten: „Es geht nicht an, dem amerikanischen Präsidenten, einem gläubigen Menschen, der fast immer mit Umsicht gehandelt hat, die Kriegsteufelsmaske überzuziehen“. Schließlich habe „der Papst die Zukunft der Menschheit im Sinn, Bush auch“. Devoter geht’s nimmer.
Schlichte Zeitgenossen, die nicht stets die ganze Zukunft der Menschheit im Blick haben, fragen sich schon lange, welche Interessen eine Mehrheit der Journalisten in den Großmedien eigentlich vertritt: deutsche oder amerikanische. Eine andere Frage ist, ob der eine oder andere nicht gar zu laut auf der Dankbarkeitsorgel gespielt hat. Denn es bedarf schon einer Erklärung, warum trotz der amerikafreundlichen Politikbegleitung die Deutschen sich als zunehmend störrisch erweisen. Haben sie doch offensichtlich aus ihrer eigenen Geschichte gelernt, den Krieg gemäß der UN-Charta nur als allerletzte Möglichkeit zur Regelung politischer Konflikte in Betracht zu ziehen.
Auch in Sachen Demokratie sind wir zu Musterschülern geworden, leisten wir uns doch inzwischen eine eigene Meinung in schwierigen Fragen zu Krieg und Frieden. Nur ein Kolonialvolk tanzt kritiklos nach der Pfeife des jeweiligen Herrn. NEIN. Unsere amerikanischen Freunde können sich nicht über zu wenig Unterstützung ihrer Positionen in den Medien old europes beklagen. Fand doch beispielsweise beim Neujahrsempfang eines der größten Zeitungskonzerne der Vorstandsvorsitzende deutliche Worte zur Unterstützung eines Irak-Krieges, die als eine Art Richtlinie für alle Mitarbeiter verstanden werden musste. Auch die vielbeschworene Dankbarkeit stößt einmal an ihre Grenzen.
Dass der ständig denunziatorisch ins Spiel gebrachte Antiamerikanismus-Vorwurf nicht sticht, spricht für das neue Selbstbewusstsein der Deutschen, der Europäer ohnehin. Es sind die ständig wechselnden Begründungen, die zornig machen, mit denen die Amerikaner mal mit mal ohne UN Saddam entwaffnen wollen, einen Despoten, für den hierzulande nicht einmal der Friedensbewegteste die geringsten Sympathien hegt. Auch die angeblich drohende völlige Isolation Deutschlands in der Welt taugt nicht mehr als Schreckgespenst, nachdem sich mehr und mehr Leute ihre eigenen Gedanken machen.
Bleibt noch die Frage nach den Gründen für das Auseinanderklaffen zwischen Volksmeinung und der in den Medien öffentlich verbreiteten Meinung. Ginge es um die Berichterstattung über den Automobil- bzw. Reisesektor, wären die real existierenden Verhältnisse relativ einfach zu beschreiben. Welcher Redakteur wundert sich schon noch, dass der Kollege von der Motor-Seite fast immer das neueste Auto fährt und die Kollegin vom Ressort Reise stets die schönsten Urlaubsreisen macht, gratis.
Im politischen Journalismus sind derart beschreibbare Gratifikationen nicht direkt zu orten. Aber die PR-Offensive der US-Regierung zur Verbesserung ihres Images lässt Böses befürchten. Kam es während des Kalten Krieges durchaus vor, entsprechende Leistungen im Freiheitskampf auch mal zu honorieren, ist heute im Reich des Guten die Lage komplizierter. Nicht wenige Journalisten scheinen das Schutzmachtsyndrom derart verinnerlicht zu haben, dass es gar keiner Anweisungen mehr bedarf, ganz gleich, was die Bush/Rumsfeld-Crew in ihrer unendlichen Weisheit auch anstellt. Dazu kommt, dass offensichtlich eine große Zahl der unterschiedlichsten Medien es sich zur Herzensangelegenheit hat werden lassen, das unerwünschte Ergebnis der letzten Bundestagswahl um jeden Preis zu korrigieren. Zur Erreichung dieses Ziels scheint jeder Kampfplatz geeignet, jede Chance willkommen, um dieser Regierung am Zeuge zu flicken, selbst wenn sie nach Meinung einer unbestrittenen Mehrheit das Richtige tut.
Dabei geht es nicht um eine Dämonisierung der Medien, schon gar nicht um eine Überschätzung oder pauschale Beschimpfung ihrer Akteure. Leser, Hörer und Zuschauer sitzen mit den Journalisten viel öfter in einem Boot, als beide wahrhaben wollen. Soll sich ihre Beziehung nicht auf gelegentliche Rachegelüste beschränken, bleibt nur der wechselseitige Appell zur Verantwortung, gerade auch in Zeiten von Krieg und Kriegsgeschrei. Meinungsfreiheit ohne Informationsfreiheit verkümmert zu einem rein formalen Recht, zu schwach, um die Demokratie als überzeugende Alternative zu jeder Form von Diktatur erscheinen zu lassen. In den nächsten Wochen und Monaten wird manches und mancher gewogen werden und dabei geht es ausnahmsweise nicht um das soundsovielte Diätprogramm. Worauf es jetzt ankommt: Wie kriegen wir den Cowboy wieder vom Pferd?
Klaus Staeck
7. Februar 2003
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